Am Ende war ich einer von 56.000. Einer mit grüner Startnummer, ziemlich viel Respekt und dem festen Vorsatz, an diesem Sonntag irgendwie durchs Brandenburger Tor zu laufen. Und einer mit zwei Quadrizepssehnen, die beide schon einmal abgerissen waren.
Go ahead and be unrealistic.

Vielleicht ist das die passende Überschrift für diese Geschichte.
Wer hier schon länger mitliest, kennt den Anfang. Im Dezember 2022 bin ich auf dem Digitalgipfel über ein Kamerapodest gestürzt. Quadrizepssehne ab. Operation, Reha, Krücken und die erstaunliche Erkenntnis, dass eine Treppe plötzlich eine ernstzunehmende sportliche Herausforderung sein kann.
Damals schrieb ich: „Der Kopf ist ja zum Glück noch dran.“ Der Kopf funktionierte tatsächlich ganz ordentlich. Ich kam zurück, lief wieder und auch wieder Marathon.
Bis Juli 2025. Ich war in Seattle, als internationaler NGO-Vertreter um die Gründung von Microsoft Elevate zu begleiten. Und ich flog wieder ab. Diesmal die andere Seite. Gleiche Diagnose. Quadrizepssehne Nummer zwei.
Immerhin konnte ich mit meinen Krücken bei den Event von Microsoft dabei sein. Danach Business Class zurück nach Berlin – was mit abgerissener Quadrizepssehne weniger nach Luxus als nach dringend benötigter Beinfreiheit klingt – und wieder ins UKB.
Wieder Operation. Und an dieser Stelle ein großes Danke an das Team des UKB, das mich zum zweiten Mal wieder zusammengesetzt hat.
Dann wieder von vorne. Nur diesmal gab es kein gesundes Bein mehr, das einfach alles übernehmen konnte. Anfang 2026 war ein Marathon ziemlich weit weg. Selbst 9 min pro Kilometer konnten schwierig sein. Vor allem dem rechten Bein fehlte Kraft. Also im April die Entscheidung: intensives Krafttraining. Radfahren. Pilates. Laufen. Erst 3 Kilometer. Dann 5, 8, 13, 16 und irgendwann 23.
Und immer wieder diese verdammten Treppen. Aber irgendwann kam etwas zurück, das wichtiger war als jede Pace: Vertrauen.
Nicht die Gewissheit, dass es funktionieren würde. Die Gewissheit, dass es funktionieren könnte.
Auf diesem Weg kam übrigens noch ein etwas ungewöhnlicher Trainingspartner dazu: ChatGPT. Ich lieferte Garmin-Daten, Trainingskilometer, Schmerzen und gelegentlich etwas optimistische Ideen. Die KI analysierte, rechnete und versuchte regelmäßig, mich zu fordern, beruhigen oder zu bremsen.
Das gelang unterschiedlich gut. Insbesondere waren wir uns nicht immer vollständig darüber einig, was „locker“ bedeutet.
Am 27. September stand ich dann am Start des Berlin-Marathons. 14 Monate nach Seattle. Nach dem zweiten Abriss, der zweiten Operation und mit zwei reparierten Quadrizepssehnen.
42,195 Kilometer.
Ich wusste nicht, ob es funktionieren würde. Genau das war ja der Punkt.
Es funktionierte. Nach 4:53 Stunden lief ich durchs Brandenburger Tor und ins Ziel. Mehrt als eine Stunde langsamer als in meinen besten Jahren. Aber die Zeit war an diesem Tag ziemlich egal. Ich war wieder Marathonläufer.
Zwei Sehnenabrisse. Zwei Operationen. Zweimal Reha. Und jetzt Marathon Nummer zwölf.
Darauf bin ich verdammt stolz.
Nachtrag: Das nächste Ziel ist übrigens kein Marathon. Mehr Kraft wäre schön. Und irgendwann eine Treppe hinunterzugehen, ohne darüber nachzudenken, wäre auch nicht schlecht.
Be unrealistic? Man kann nicht alles erreichen. Aber vieles kann funktionieren, wenn man es versucht. Die Ungewissheit gehört dazu – sonst wäre es ja langweilig. Einer von 56.000. Marathon Nummer zwölf. Zwei reparierte Quadrizepssehnen. Back in the game.
Go ahead and be unrealistic.